Green Velo

 

Green Velo 

…. ist der Name der vor gut 5 Jahren fertiggestellte ca. 2000 km lange Radroute durch Ostpolen. 

Die Route beginnt in Elbing / Elblang, verläuft entlang dem Frischen Haff bis zur Grenze vom Oblast Kaliningrad in Russland. Jetzt geht es weiter Richtung Osten, der litauischen Grenze folgend. Dann knickt die Route nach Süden ab und folgt in geringem Abstand dem Grenzverlauf mit Weißrussland und der Ukraine. Durch das Karpatenvorland führend, erreicht die Radroute Heilig Kreuz. Auf dieser Strecke werden mehrere Nationalparks miteinander verbundenen, von denen einer UNESCO Weltnaturerbe ist. 

Bis auf wenige Ausnahmen ist die Route durchgängig klar ausgeschildert. Abzweigungen und Entfernungen werden deutlich dargestellt. Alle zehn bis 15 Kilometer werden gut ausgestattete Pausen Plätze angeboten. 

In den größeren Orten und Städten befinden sich mit Informationsmaterialien sehr gut ausgestattete Tourismusbüros. Die Mitarbeiter sind ausgesprochen kompetent und hilfsbereit. Nur einmal konnte die Mitarbeiterin weder deutsch noch Englisch sprechen. Aber sie wusste  sich zu helfen und hat ihre Tochter angerufen, die dann nach wenigen Minuten im Büro erschien um zu dolmetschen. 

Die Wegequalität ist, sagen wir, unterschiedlich. Zu Beginn in Masuren führt die Route über grob geschotterte oder tief sandige Wege. Je weiter es nach Süden geht, umso besser wird die Qualität der Wege. 

Die miserable Wegequalität in Masuren hatte dennoch auch ihr Gutes; so haben die Fahrradpartner ihre eigenen Wege über mit alten Alleebäumen gesäumte Landstraßen gesucht und dabei das Städtchen Rössl / Reszel mit der Ordensburg und der vom Berliner Stadtbaumeister Schinkel entworfenen Kirche entdeckt. Auch die im Tiroler Barockstil errichteten Kirche Heilig Linde / Swenta Lipka mit der berühmten Orgel und den mechanischen Figuren war somit eine unerwartete Entdeckung. Das vormittägliche Orgelkonzert war einer der Höhepunkte der Tour. 

Hier sollte die Wojewodschaftsverwaltung die Routenführung nochmals überplanen und die Wegequalität optimieren. 

Bevor es in Elblang losgeht, empfiehlt euch euer Fahrradpartner eine Schiffstour auf dem Oberländer Kanal zu unternehmen. Anstelle von Schleusen haben die Erbauer des Kanals schiefe Ebenen konstruiert. Die Schiffe schwimmen in einen Wagen und werden auf diesem  über Land zum nächsten Abschnitt des Kanals aufwärts oder abwärts gezogen. Antrieb ist die Wasserkraft. So wird auf einer Strecke von ungefähr 80 km ein Höhenunterschied von ca. 100 m zwischen dem Zentrum von Masuren und der Ostsee überwunden. Im Berliner Museum für Verkehr und Technik befindet sich ein Modell dieser kanalbautechnischen Einmaligkeit. Zur Zeit werden die schiefen Ebenen saniert, so dass von Elbing leider nur eine erreicht werden kann. Die Schiffsfahrt muss aus Kapazitätsgründen im Voraus gebucht werden. Dieser Kanal ist ein Sehnsuchtsort, seit dem ihn euer Fahrradpartner als Achtjähriger  im Fernsehsendung entdeckt hat, „ein Schiff auf Rädern fährt durch den Wald.“ Nach dem Abitur, also lange vor der Wende, hat sich der Fahrradpartner den Traum einer Fahrt auf diesem ungewöhnlichen Wasserweg erfüllt.

Wie haben die Fahrradpartner überhaupt von der Existenz des Green Velo erfahren?

Wie im Kapitel „über Euren Fahrradpartner“ erwähnt, hat dieser zwei Mal im Marschallamt der Wojewodschaft Westpommern / Zachodnio Pomoerskiego gearbeitet. Beim zweiten Besuch war nun der Fahrradpartner im Aufgabengebiet „Planung touristischer Radrouten“ angesiedelt und die Partnerkollegin hatte Unterlagen über Green Velo im Büro. Ohne diesen Aufenthalt in Stettin / Szczecin hätte der Fahrradpartner bis heute keine Kenntnis über diese im höchsten maße interessante Radroute.

Der Fahrradpartner und die Fahrradpartnerin sind Green Velo in zwei sich überschneidenden Etappen geradelt. Das erste mal gleich im Jahr nach dem Besuch in Stettin.

Man radelt durch beschauliche Landschaften und lernt bis dahin unbekannte kulturelle Schätze und Städte kennen. Aber es werden aber auch Orte erreicht, die durch die grauenvolle jüngere Geschichte bekannt sind. Die Wolfschanze bei Rastenburg, die der Fahrradpartner bewusst nicht besucht hat, ist nur das bekannteste Beispiel. Dass in Przmysl im ersten Weltkrieg die heftigste Schlacht zwischen Russland und der Habsburgermonarchie statt gefunden hat, war nicht bekannt. Diese Stadt hat dann im Zweiten Weltkrieg die grausamen Schlachten zwischen Russland und Deutschland erleiden müssen. Überall im Osten der Route erfährt man über Gräueltaten der deutschen Wehrmacht an der polnischen Bevölkerung.

Dennoch haben der Fahrradpartner und die Partnerin nur Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erlebt. Das haben wir nicht erwartet.  Hilfsbereitschaft uns Radfahrern gegenüber wurde groß geschrieben. In Rutnik am San existierte das in der Karte eingetragene Hotel nicht mehr. Die Direktorin des Korbwaren Museums hat nicht nur telefoniert, um ein neues Hotel zu finden, sondern sie ist den beiden Radlern mit dem Auto voran gefahren, um ihnen den Weg zum tief im Wald  versteckten Hotel zu weisen. Sie hat darüber hinaus auch noch ihren Mann gebeten, der das Flößer Museum im Nachbarort Ulanow leitet, extra für uns am Montag das Museum zu öffnen. 

Abgesehen von dieser Ausnahme, kann durchgängig über Hotelbuchungsplattformen eine Bleibe für den nächsten Tag gebucht werden.

Nur am Sonnabend kann es etwas komplizierter werden, da finden in Hotels Hochzeiten statt, ein lautes Vergnügen. Aber mit einem Privatzimmer ist man dann bestens versorgt. An dieser Stelle darf ein Erlebnis nicht unerwähnt bleiben. In welchem Dorf es sich abgespielt hat, ist leider in Vergessenheit geraten. Über die Plattform war ein Agrotyristika gebucht worden. Dummer Weise war die die Buchung nicht offline gespeichert, und die Adresse haben wir aus der Erinnerung gefunden. Sah etwas desolat aus, … und war verschlossen, niemand anwesend. Vielleicht doch die falsche Örtlichkeit? Gegenüber befand sich ebenfalls eine Privatunterkunft. Wir haben dort geklingelt und eine freundliche Wirtin, die so ausreichend gut Englisch sprach, dass sie unser Problem verstehen konnte. Im W LAN angemeldet, wurde die Buchung gefunden, es war das Haus gegenüber. 25€ für die gezahlte Übernachtung kann man nun auch mal an´s Bein binden. Wir haben uns entschlossen, bei der so hilfsbereiten Wirtin zu übernachten. Wir hatten das historische Bauernhaus auf dem Grundstück für uns. In so einem Haus zu übernachten, in dem ein großer Ofen drei Räume und die Küche miteinander verbindet, war  es alle mal wert, neu zu buchen. So weit, so gut. Am nächsten Morgen begrüßte uns am Gartenzaun ein freundlicher Herr mittleren Alters mit der Frage, ob wir diejenigen wären, die bei ihm gegenüber gebucht hätten. Ja, sind wir und wir mussten das Quartier wechseln, war ja alles zu. Seine verblüffte Antwort war, „alle Gäste wissen doch, dass der Schlüssel unter dem Blumentopf liegt.“ Wussten wir nun wirklich nicht, ist auch für eine gebuchte Unterkunft durchaus ungewöhnlich. Er ließ sich absolut nun nicht davon abbringen, uns die Kosten zu erstatten. Wir haben das Geld dankend mit dem Versprechen, es unterwegs in Kirchen, Museen usw. zu spenden, dankend angenommen.

Wieder eine Erfahrung mehr! 

Man hätte Green Velo auch die Route der Brauereien nennen können. Mehrere Brauereien mit vorzüglichem Bier liegen am Weg. Seit dem der Fahrradpartner polnische Bier kennen gelernt hat, mag er das deutsche Pilsener nicht mehr.

Die Marke mit dem Wisent aus Bialystok ist das Lieblingsbier geworden.

Auch die Gastronomie hält Überraschungen bereit, in Suwalki haben deine Fahrradpartner nach längeren Suchen das einzige Restaurant gefunden. Ein kleines Wohnzimmerrestaurant, das von zwei jungen Frauen betrieben wurde, die komplizierte Gerichte auf den Punkt gegart, serviert haben, nicht weit vom ersten Stern. Der Fahrradpartner kann das beurteilen, da er selbst gerne Kurse bei Sterneköchen besucht.

Wenn auch deutlich unter Gourmetqualität, war die in der Notunterkunft in einer Tankstelle servierte Tiefkühlpizza mit Sauerkraut und einer extra Portion Majonaise von der Wirtin mit Empathie für  hungrige Radler auf den Tisch gebracht. Ein doppelter Wodka war dann fällig.

Völlig unerwartet und ungewöhnlich in Rzesow, der Hauptstadt des Karpatenvorlandes in der Altstadt eine Bronzestatue des Rock- Bluesmusikers Tadeusz Nalepa zu entdecken, die in ihrer lebensechten Darstellung große Ähnlichkeit mit der Statue von Chris Cornell vor dem Museum of Popular Arts in Seattle aufweist. Beide Musiker halten ihre Gitarren in fast gleicher Pose entspannt in der Hand, Nalepa seine Les Paul und Cornell die 335.  Die beidenStatuen könnten vom gleichen Künstler gestaltet sein. Eine solche Übereinstimmung in der Ausführung vom kleinsten Detail der Gesichter, der Kleidung bis hin zu den Saiten der Instrumente ist äußerst ungewöhnlich. Leider konnten keine Informationen über die Künstler gefunden werden. Tadeusz Nalepa ist in Deutschland bedauerlicher Weise völlig unbekannt. Er spielt den Blues als gäbe es in Ostpolen Baumwollfelder.

Eine Reise durch beschauliche Landschaften, perfekt restaurierten Altstädten und die Begegnung mit hilfsbereiten und freundlichen Menschen, die den zwei deutschen Radfahrern nie mit Ressentiments begegneten, sollte auf der Wunschliste von allen Tourenradlern ganz oben stehen. Sie bietet dem aufgeschlossenen Radreisenden so viel Interessantes und Neues und das Ziel liegt doch so nah, mental aber für die meisten weit weg. Klar, die Nachkriegszeit hat uns Westberliner geprägt, der Bildungscanon weist nach Italien und Griechenland. Länder, die mit Schönwettergarantie locken und bequem erreichbar sind. Dreißig Jahre nach der Wende ist es an der Zeit das mit der Regionalbahn von Berlin in knapp 2 Std. erreichbare Nachbarland zu erkunden. Das geht mit dem Fahrrad auf dem Green Velo besonders gut.

Nicht zu versäumen ist von Przmysl ein Ausflug mit Bus oder Bahn nach Lwow / Lemberg in der Ukraine. Es lohnt sich wirklich. Die Fahrt mit dem Bus ist ein Erlebnis. Von der Rückseite des sehr sehenswerten aus österreichischen Zeit stammenden Hauptbahnhofs fährt ein Kleinbus zur Grenze, die man zu Fuß überquert. Die Kontrollen sind zügig und ohne Probleme, Reisepass erforderlich! Dann hinter der Grenze auf ukrainischer Seite muss man dann den Bus in die Stadt finden. So ca. 500 m vom Kontrollbereich entfernt auf der linken Seite ist ein Ticketbüro vor dem irgendwann der Bus startet. Der Bus fährt nur zu einem Busbahnhof weit vor der Stadt, dort heißt es in einen Stadtbus umsteigen. Also vorher Geld wechseln! Sonst gibt es keinen Fahrschein. Je näher der Bus dem Zentrum kommt, umso voller wird er, ganz normal, aber das Bezahlen des Fahrscheins ist spannend, das Fahrgeld wird von einem Fahrgast zum nächsten gereicht und Fahrschein und Wechselgeld wandern auf gleichem Weg zurück. Eure Fahrradpartner waren wie alle Fahrgäste auch Teil dieses Geldwanderwegs. Aussteigen ist dann an der Universität und Park Ivano Frankiwsk. Die Fahrt mit dem Stadtbus dauert ca. 1 Std. also nicht wundern.

Für diese etwas umständliche Anreise  wird man aber durch eine in jeder Hinsicht faszinierende Stadt belohnt. Eine Nacht zu bleiben ist das Minimum. Wir haben unsere Fahrräder und das nicht benötigte Gepäck in Przmysl im Hotel gelassen, das übers Wochenende sowieso ausgebucht war. Am Abend an Wochenenden nicht versäumen das „Biertheater“ zu besuchen, wilde Bukowina live Musik!

Mein Tipp, im nächsten Sommer auf Green Velo losradeln!!!

Wie kommt man hin?

Von Berlin empfiehlt es sich mit dem RE 66 nach Stettin zu fahren und von dort dann über Danzig weiter nach Elbing. Für Senioren hält die PKP mit einer 50 %igen Ermäßigung eine weitere positive Überraschung bereit. Fahrräder müssen reserviert werden, ist aber problemlos.