Was nimmt dein Fahrradpartner mit auf die Tour?

So wenig wie möglich, so viel wie nötig! Ganz einfach!

Bis in die 2010er Jahre waren die Karrimorfahrradtaschen ein zuverlässiger Begleiter, die nur leider nicht ganz wasserdicht waren. Regen von oben, absolut kein Problem, aber dem Spritzwasser, das mit Druck von den Rädern von unten hoch gedrückt wird, konnten sie nicht standhalten. Plötzlich ohne Verabschiedung, sind sie aus den Outdoorläden verschwunden. Von der Konzeption waren sie um Längen besser als alles, was heute auf dem Markt ist. Sie waren asymmetrisch geformt, was mehr Abstand zu den Fußfersen bedeutete und sie hatten rückseitig je eine Außentasche für Kleinkram, wie Sonnenbrille, Schlüssel etc. 
Heute fahren nun die Taschen aus Lkw Planen mit. Die sind zwar absolut wasserdicht, aber man sucht sich tot. Ein Mysterium, wie  

es 

Schlüssel  schaffen, sich durch Kleidung und Packsäcke immer den Weg auf den Taschenboden zu bahnen, so wie das Geheimnis der dritten Socke.

Was ist nun in den Taschen?

Auch das hat sich im Laufe eines Radlerlebens geändert. Auf den ersten Reisen waren ein blauer Popolineanorak, der mit dem Fuchs, und ein dicker Seemannstroyer mit von der Partie. Der Anorak lebt noch heute, der war auch schon am Everestbasecamp dabei (zu Fuß!) unverwüstlich. Fahrradhosen, Fehlanzeige, Turnhosen und wenn´s kühl wurde, die heute wieder als Ghettostyle in Mode gekommenen Baumwollschlabberhosen. (Mit dieser Ausrüstung ging´s bei Schneetreiben über´s Timmelsjoch). Mit Anorak und Wollpulli war eine Tasche gut gefüllt. In die andere kamen Klamotten für den Abend, ein zweites Trikot und Wäsche zum Wechseln. Landkarten und Bücher nicht zu vergessen. Eigentlich eine schöne Zeit ohne TV im Zimmer oder gar W LAN. Die Bücher mussten schon so 600 Seiten haben, wenn jeden Tag 80 Seiten gelesen werden, hat´s gerade für zwei Wochen gereicht. Mit Umberto Ecco in der Toskana!
Die Sachen sind mit der Zeit leichter geworden, Goretexanorak, Fließ und Windstopper haben die genannten Teile ersetzt. Das Gewicht des Gepäcks bleibt ziemlich konstant, man kann ja mehr einpacken. In jüngster Zeit wird das Fließ nun vom Wollfunktionsteil ersetzt. Das ist zwar schwerer, ersetzt aber dafür zusätzlich die Skiunterwäsche, die als Schlafanzug diente. Auf einer Bergwanderung, manchmal muss es auch ohne Fahrrad gehen!, wurde die Ausrüstungsdiskussion mit dem Bergführer vom DAV und der Gruppe geführt. Meinem Einwand gegen die Merinoteile aus Gewichtsgründen erwiderte der Bergführer, „du brauchst doch nur eins, das kannst du Tag und Nacht tragen, in Wolle wirst du nie nach Schweiß riechen.“ Er sollte Recht behalten.
Landkarten werden weiterhin mitgenommen. Das Navi ist nie in der Lage, Zusammenhänge der Gegend dazustellen. Es ist sicher nützlich, wenn man eine beschilderte Route verloren hat und sich orientieren muss. Es gibt ja genug intelligent beschilderte Route, wo mittig an einer Weggabelung ein Pfeil nach oben weist. Der bessere Weg war meist der falsche. Da hilft der Satellit und natürlich, wenn es gilt, das gebuchte Hotel in einer fremden Stadt direkt zu finden. Beide Techniken, analog und digital ergänzen sich. Dazu das Ladegerät, wieder ein Stück mehr in der Tasche. Auch auf der schönsten Radtour gibt es öde Abschnitte, zur Ablenkung und Motivation ist der MP 3 Player auch ein unverzichtbarer Begleiter. Das Smartphone bleibt nach Möglichkeit gesichert in der Tasche! In seiner Funktion als Navi muss es dann am Lenker befestigt werden. Dazu dient eine in Ö´reich entwickelte Gummilasche.
Natürlich darf der Fotoapparat nicht fehlen. Meine Kameras von Olympus waren immer dabei. Zu analogen Zeiten blieben die OM 2 und später die OM 4 Ti mit dem 35-70ger 1:3,5 aus Gewichtsgründen eher zu Hause. Gute Dienste leistete unterwegs auf Rad- und Bergtouren die handliche XA. Mehr als drei Filme kamen nicht mit auf die Tour, aber für 100 Bilder hat es sich nicht gelohnt, den Projektor aus dem Schrank zu holen und die Leinwand aufzubauen. Es gab dann eine fast fotofreie Periode, schade im Nachhinein, denn nun sind alle analogen Dias im Profilabor gescannt worden und damit schnell wieder präsent.
Dann kamen die Digitalkameras auf den Markt. Ein Technik affiner Freund zeigte stolz seine neuen Fotos. Für mich absolut keine Alternative zum Dia, diagonale Linien waren treppenartig abgebildet. Digitalfotos waren sicher ganz lustig für Schnappschüsse, für ernsthafte Fotografie kein Thema. Die Digitaltechnik schritt voran, Diafilme wurden unerschwinglich, eine Digitalkamera musste nun  auch her. Dein Fahrradpartner blieb bei seinem Hersteller und erstand die superstylische  µ [mju:]. Es machte wieder richtig Freude, unterwegs zu fotografieren. Trotz der noch bescheidenen Pixelgröße entstanden schon gute Fotos. (Diese Kamera hat mich noch viele Jahre als Dienstkamera begleitet.)
Mittlerweile wurde weiter aufgerüstet, EM 5, PEN F, EM 1 mit pro Objektiven befinden sich in der Sammlung. Das micro four thirds System bietet eine platz- und gewichtssparende Ausrüstung für die Radtour. Meistens ist die EM 5 mit dem Pancakeobjektiv dabei, das ist die leichteste alle Kombinationen. Liebe Olympusingenieure, falls einer von euch meine Seite lesen sollte, so eine kleine Kamera wie die Leica D Lux 7 mit  micro four thirds wäre von euch doch auch zu bauen, wäre super für jeden Radler, der Wert auf Qualität legt. Handyfotos, nee Sportsfreunde, keine Lösung.



Welche Fahrräder haben deinen Fahrradfreund begleitet?


Das erste Rad auf der Tour durch Ungarn lange vor Fall des Eisernen Vorhangs war irgend was gebraucht gekauftes, aber schon mit Kettenschaltung! Hat nicht lange existiert.
Die Liebe zum Tourenradeln blieb. Die Freunde, die mit in Ungarn dabei waren, haben der damaligen Fahrradpartnerin und mir empfohlen, zu ihrem Fahrradhändler nach Neukölln zu gehen. Wir sind diesem Rat gefolgt und fanden bei Radsport Arlt, das erste reine Fahrradgeschäft, in dem es keine Rasenmäher oder Spielwaren gab. Arlt war damals Ausstatter der Radsportfreunde Neukölln. Also fast ein Profiausstatter. Da saßen am Sonnabendvormittag die alten Radsportfreunde beim Frühstücksbier im Laden und haben mit beraten. „So kannste den doch nich fahrn lassen, wie sieht` n ditte denn aus? Mach dit ma anders!“ Jutet Neukölln damals. Das Fahrrad, was dort gekauft wurde, war mit Sicherheit das mit Abstand eleganteste Rad, das dein Fahrradpartner je besessen hatte, ein italienisches Rennrad von Michele Dancelli, mit perlweißem Rahmen und dunkelroten Schutzblechen und roter Lenkerwicklung. Der Gepäckträger war eine verunstaltende Notwendigkeit. Um mit Gepäck auch Steigungen fahren zu können, hat Techniker Hannemann, immer mit der Bierflasche in der Hand, zur 52 / 42 Antriebskombination noch ein 28er Ritzel aufgezogen, das Maximum dessen, was damals die 105er Gruppe schalten konnte.

Exkurs: „Wie ein kaputter Schlauch zum Lebensretter wurde“.
Auf der Tour durch das ehemalige Yugoslawien war in Skradin nahe den berühmten Krka Wasserfällen der Hinterreifen platt. (Anmerkung für die ganz Alten, Drehort der Karl May Filme) Im Garten der gemütliche Pension konnte ich in Ruhe den Schlauch wechseln. Der alte hatte schon so viele Flicken, so dass er nun auf dem Müll landete. Der neue Schlauch war eingezogen und beim Aufpumpen pfifffff Luft ´raus, Riss an der Naht, Materialfehler! Ein zweiter Schlauch war ja noch im Gepäck, also keine Panik. Einziehen, Aufpumpen pfifffff Luft ´raus, Riss an der Naht, wieder Materialfehler!
Also wurde der alte Schlauch reaktiviert. Alle Flicken ersetzt und - oh Wunder, die Luft hielt.
Die Strecke über das Dinarische Gebirge bis ans Meer nach Split war nicht so lang, der Reifen musste einfach halten. Das Meer war tief unten in der Ferne bereits zu sehen, als der Reifen schlapp machte. Dieser Umstand hat mit wohl das Leben gerettet. Beim Aufpumpen musste ich sehen, dass die Bremsschere (klassische Rennradbremse) gebrochen war. Bei schneller Talfahrt hätte nun nur die Vorderradbremse gewirkt und die Folgen wären schrecklich geworden. Ich bin also im Schritttempo bergabgefahren und heil in Split angekommen.
„Fahre nie schneller, als dein Schutzengel fliegen kann“ Mein Schutzengel muss wohl an der richtigen Stelle die Luft aus dem Reifen gelassen haben.
In der Folgezeit wurde das, auch wegen seiner nur daumendicken Reifen nur bedingt tourentaugliche Dancelli gegen einen klassischen Randonneur von Bob Jackson mit konifizierten Columbusrohren ersetzt. Jetzt Schwarz-rot lackiert, auch sehr chic.
Dieser Begriff des Randonneur entwickelte sich aus den in Frankreich entstandenen Fernradrennen, die als Radwandertouren bezeichnet wurden. Zum Einsatz kam meistens ein Fahrrad, das dem Rennrad ähnelt, aber über einen kleinen Gepäckträger, Schutzbleche und Licht verfügt. Teilweise sind diese Räder auch mit Trekkingrad oder Mountainbike-Komponenten ausgestattet. Randonneur haben in der Regel einen längeren Radstand als übliche Rennräder und weisen deshalb weniger wendige aber insgesamt ruhigere Fahreigenschaften auf. Das Bob Jackson war mit einer bergfreundlicheren Schaltung ausgestattet und verfügte bereits über Cantileverbremsen. Nur war dieser Bremsentyp wegen der Bowdenzugverhältnissen nicht unbedingt mit dem klassischen Rennlenker kompatibel. Der Rennlenker ist nach meinem Dafürhalten auf langen Strecken noch immer der ergonomisch beste, im Vergleich zu den heute üblichen auch mit Ergogriffen ausgestatteten geraden, bzw. leicht gekröpften Lenkern. Durch seinen längeren Radstand lag das Bob Jackson bei schnellen Talfahrten (74 Km/h) wie ein Brett auf der Straße. Die Schalthebel waren noch nach Rennradmanier am Unterrohr montiert.
Die Bierfreunde vom Radsportladen in Neukölln waren Anhänger der alten Rennfahrerphilosophie, die für den Rahmen die maximale Größe vorschrieb. Heute soll der Rahmen so klein wie möglich sein, die Anpassung erfolgt über Sattelstütze und Vorbau.
Damals lag der Sattel fast auf dem Oberrohr auf. Nach heutigen Gesichtspunkten war das Rad damit mindestens 3 Nummern zu groß, aber ich bin das Rad gerne gefahren. Ein Freund der deutlich größer ist als dein Fahrradpartner, hat das Jackson geerbt und „oh welche Grausamkeit“, es mit einem Brezellenker versehen.
In der Zeit kurz nach der Wende wurde das Umland intensiv erkundet, man konnte auch auf Hauptstraßen entspannt radeln und neue Gegenden kennenlernen. Diese Zeit währte nur kurz, der Autoboom setzte ein und Radfahren war, wenn man nicht lebensmüde war, nur noch auf kleinsten Landstraßen und den sich überall durchs Land ziehenden Betonplattenwegen gefahrlos möglich. Östlich der Oder war Radfahren weiter so angenehm möglich und erstaunlicher Weise waren die Straßen deutlich besser als in der ehemaligen DDR. Dafür waren die Bahnverbindungen Richtung Osten deutlich schlechter als heute.
Das Umland war daher doch das bevorzugte Fahrradareal, daher musste ein Mountainbike angeschafft werden.
Der Laden in Neukölln wurde zu dieser Zeit aufgegeben, mit der neu aufkommenden Fahrradtechnik konnten die Leute nicht mehr umgehen.
Bikecology ist der neue Stammladen geworden.
Ein Indian mit einem naturfarbenen Alurahmen und einer dreifach Kettenblatt Kombinationwar das erste Mountainbike. Mit den geländegängigen 26er Felgen und den breiten Reifen war euer Fahrradpartner auf holprigen Wegen im Brandenburger Umland ausnehmend zufrieden. Das Indian ist bis heute der leichte Stadtflitzer für kurze Strecken, den man mit einer Hand jede Treppe zu S- oder U-Bahn ´rauf und ´runter tragen kann.

Der Nachfolger wurde dann ein Stevens S8 mit Magura Öldruckbremsen und einer kompletten XT Gruppe. Dieses Rad hat nun auch seine ca. 50.000 Km unter die Reifen genommen und wird bei guter Pflege hoffentlich noch einige Tausend Kilometer mehr so zuverlässig laufen, wie von Beginn an. Optisch kann dieses Rad den Vorvorgängern nicht das Wasser reichen, aber technisch ist es ihnen doch weit überlegen. Der kleine Rahmen mit 26er Felgen war ideal in einer Kiste als Fluggepäck zu verladen. Auch im Bus war immer Platz für ein Mountainbikerahmen. Dass sich die Fahrradindustrie von der 26er Felge verabschiedet hat und durch 27,5er und die 29er ersetzt, mag für extreme Mountainbiker sinnvoll sein, für Reiseradler ist es ein großer Verlust.